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Groß Geigen, Vyolen, Rybeben - Grossformatige Streichinstrumente in den nordalpinen Quellen um 1500

Studientagung der Schola Cantorum Basel (5.–6. Juni 2015, Schola Cantorum Basel, Musikmuseum, SNF)

ABSTRACTS

Martina Papiro (SCB – FHNW):


Die „Gross Geige“ in der Kunst am Oberrhein (Graf, Grünewald, Holbein d. J.)

Seit der Darstellung einer „Gross Geige“ in Virdungs Musica getutscht (Basel 1511) erscheinen größere Streichinstrumente in den Werken der bekanntesten oberrheinischen Maler. Doch jeder integriert sie auf andere Weise in unterschiedliche Bildmedien und Bildgattungen. Wie ist die Gambe jeweils in den Bildkontext eingebettet? Welcher Erkenntnisse zu ihrem kulturellen Kontext lassen sich daraus gewinnen?

Sabine Söll-Tauchert (Historisches Museum Basel):


Das Motiv der Viola da Gamba im Werk von Hans Baldung Grien (1484/85-1545)

Der oberrheinische Künstler Hans Baldung Grien hat unter den Musikinstrumenten seiner Zeit speziell die Gambe genauer in den Blick genommen und in unterschiedliche Bildkompositionen einbezogen. Der Vortrag beleuchtet die verschiedenen Darstellungen dieses Instruments, die der Sohn einer Gelehrtenfamilie über einen Zeitraum von rund 30 Jahren geschaffen hat. Baldung exponiert dieses Instrument im Zusammenhang mit Aktdarstellungen geradezu als Bedeutungsträger.

Nicole Schwindt (Staatliche Hochschule für Musik Trossingen):


Informelle Musikpraxis an Maximilians Hof

Maximilian war ein Meisterstratege. Er verstand es, seine politischen und kulturellen Ideen medial so zu lancieren, dass wir deren Produkte (allem voran die Bilder des Triumphzugs und die Erzählungen des Weißkunig) noch heute als überaus plastische und aussagekräftige reale Quellen benutzen. Wie aber stand es im Alltag um die Musik in der Umgebung seiner Hofgesellschaft und seiner Hofbediensteten? Ein Blick auf dokumentarische Zeugnisse, denen es nicht um Repräsentation und Konstruktion geht (Briefe, Gesandtenberichte, Zahlungsanweisungen), sowie auf musikalische Quellen für den täglichen Gebrauch vermag Spielräume für die informelle Musikpraxis zu konturieren. Dort auch ist der Platz für die Geigeninstrumente anzunehmen.

Martin Kirnbauer (SCB – FHNW/Museum für Musik HMB):


„von saidtenspil gar mancherley“ – Rybeben am Hofe Maximilians

Fast zeitgleich mit den 1511 erstmals in Sebastian Virdungs Mvsica getvtscht genannten „Groß Geigen“ finden sich grössere Streichinstrumente in „da gamba“-Haltung auch unter dem Namen „Rybeben“ am Hofe König Maximilians von Österreich (1459-1519). Allerdings stehen ihrer bildlichen Darstellung im Triumphzug, einem ab 1512 geplanten und in mehreren Ausführungen erhaltenen Bildzyklus zur Verherrlichung der Herrschaft Maximilians, leider nur wenige weitere archivalische Dokumente gegenüber, die belastbare Aussagen über ihre musikalische Verwendung erlauben würden.

Thilo Hirsch (SCB – FHNW/ensemble arcimboldo):


Gross Geigen & Rybeben - Nordalpine „Viola da gamba“-Ensembles im frühen 16. Jahrhundert.

Eine kritische Auseinandersetzung mit den frühen Text-Quellen zu den „grossen Geigen“ (Virdung/Agricola/Gerle) in Verbindung mit ausgewählten ikonographischen Belegen und dem identifizierbaren Repertoire bildet die Grundlage zur Rekonstruktion verschiedener Gambenensemble-Varianten zwischen 1500 und 1550.

William E. Hettrick (Hofstra University, NY):


„Eine schöne art von dreierley geigen“: Streichinstrumente in Martin Agricolas Musica instrumentalis deudsch  (1529 und 1545)

Martinus Agricola (Martinus Sore, um 1486-1556), Kantor und Kirchenmusiker in Magdeburg, ist heute meistens wegen seiner musikalischen Lehrbücher bekannt; zwei verschiedene Auflagen seiner Musica instrumentalis deudsch wurden vom Wittenberger Verleger Georg Rhau veröffentlicht (1529 und 1545). Unter vielen anderen Instrumenten, behandelt seine erste Auflage drei Arten der „Geigen“ durch Beschreibungen, Holzschnitte und Stimmungs-Schemata, welche auch die Zahl der Saiten und die An- (bzw. Ab)wesenheit der Bünde zeigen (zwei von diesen Arten entsprechen der Viola da gamba und die dritte Art gehört zur Geschichte der Violine). Agricola fügt auch eine „vierde art der Seytenspiel“ bei, die als Rebec abgebildet wird. Gleicherweise bietet seine zweite Auflage drei Geigenarten (die „welschen“ und „polisschen“ Geigen und ein kleines „handgeiglein“) und beschreibt auch gewisse Eigenschaften der Aufführungspraxis.

Thomas Röder (Universität Würzburg):


Hans Gerle und Nürnberg

Der Lautenmacher Hans Gerle wirkte zur Blütezeit Nürnbergs. In seiner 1532 erschienenen Musica Teusch greift er offensichtlich einige Tendenzen der zeitgenössischen Fachliteratur auf. Darüber hinaus lässt sich im Repertoire seiner Veröffentlichungen ein Bezug zum damaligen musikalischen Publikationswesen in der Reichsstadt feststellen. Inwieweit die Inklusion der „Geygen“ in sein Traktat vor einem sachlichen Hintergrund erfolgte ist nach wie vor nicht begründet zu beurteilen.

Herbert Myers (Stanford University, CA):


Der Aufstieg des „Familien-“ Prinzips im Instrumentenbau

Bisher haben Instrumentenkundler allgemein das 16. Jahrhundert als die Blütezeit des „Consort“-Ideals betrachtet. Es gibt jedoch viele Hinweise darauf, dass dieses Konzept seine Ursprünge bereits im 15. Jahrhundert oder sogar früher hatte, obwohl entsprechende Zeugnisse bei weitem nicht eindeutig sind. Die folgende, mit ikonographischen Beispielen illustrierte Präsentation wird sich auf diese Ursprünge konzentrieren, insbesondere insoweit sie eine Auswirkung auf Blockflöten, Douçaines und Schalmeien haben. Die kontrapunktischen Fähigkeiten eines Berufsinstrumentalisten des 15. Jahrhunderts sind von besonderer Bedeutung für dieses Symposium, da sie gegebenenfalls einen unmittelbaren Einfluss auf die Natur der um das ausgehende Jahrhundert im Entwicklungsprozess befindlichen Streicherfamilien genommen haben könnten.

Johannes Menke (SCB – FHNW):


Vokal – instrumental? Kontrapunktkonzepte im 16. Jahrhundert

Heute gilt die Satztechnik des 15. und 16. Jahrhunderts nach wie vor als hohe Schule der Vokalpolyphonie – im Gegensatz zur eher instrumentalen Polyphonie der Bachzeit. In meinem Beitrag möchte ich der Frage nachgehen, ob der Kontrapunkt im theoretischen Schrifttum der Zeit primär vokal gedacht ist oder nicht. Dabei stehen die meist textlosen Beispiele im Zentrum. Anhand weiterer Beispiele aus dem Repertoire der Zeit soll diskutiert werden, inwiefern es einen Unterschied zwischen vokalem und instrumentalen Kontrapunkt gibt.

Marc Lewon (Oxford University/SCB – FHNW):


Auf die grossen Geygen / auch Lautten. Unterschiedliche Strategien zur instrumentalen Aneignung von Vokalmusik

Die sogenannte „deutsche“ Lautentabulatur wurde bekanntlich nicht nur zur Notation von Bearbeitungen für Laute, sondern auch für frühe Gamben oder „grossen Geigen“ verwendet, deren Saiten identisch gestimmt waren. Es überrascht daher nicht, dass beide Instrumentenfamilien in den „deutschen“ Musiklehren von Sebastian Virdung (Musica getutscht, Basel, 1511), Martin Agricola (Musica instrumentalis deudsch, Wittenberg, 1529) und Hans Gerle (Musica Teusch auf die Instrument, Nürnberg, 1532) stets in einem Zug genannt und deren verwandte Tabulaturen in Nachbarschaft zueinander besprochen werden. Trotz aller Übertragbarkeit findet die polyphone Praxis des „cantar alla viola“ der professionellen Spieler, als Parallele zur solistisch eingesetzten Laute, offenbar keine Entsprechung in diesen nördlichen Quellen: Die Musik wird hier stets auf ein Gamben-Ensemble übertragen – vermutlich mit Rücksicht und in Hinblick auf das Niveau des zahlenden Zielpublikums dieser Drucke.

 

 

 

 

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